„Ohne Unterstützung wäre ein bedeutender Teil unserer Arbeit gar nicht möglich“

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Konrektor Andreas Renner (2. v. re.) mit Bürgermeisterin Müller (li.) und Alexander Bruggner (re.), General Manager des Logistikzentrum Pforzheim.

Konrektor Andreas Renner (2. v. li.) mit Bürgermeisterin Müller (li.) und Alexander Bruggner (re.), General Manager des Logistikzentrum Pforzheim, und weiteren Mitarbeitern.

Amazon betreibt seit September 2012 ein eigenes Logistikzentrum in Pforzheim mit rund 1.000 festangestellten Mitarbeitern. Die nordwestlich von Stuttgart gelegene Stadt zählt rund 116.000 Einwohner, fast jeder zweite Pforzheimer hat Migrationshintergrund. Wir sprachen mit  Andreas Renner, Konrektor an der Insel-Grundschule Pforzheim, über die bildungsspezifischen Herausforderungen an seiner Schule, warum Lesen für seine Schüler so wichtig ist und warum er an einer Amazon-Leseinitiative teilgenommen hat.

Sie sind Konrektor an der Insel-Grundschule, einer sogenannten „Brennpunktschule“ in Pforzheim, früher bekannt als „Goldstadt“. Wie würden sie Stadt und Region heute beschreiben?

Die Schmuckindustrie, die nach wie vor auch weit über die Grenzen Deutschlands einen guten Ruf genießt, gibt es hier nach wie vor. Diese hat jedoch in den Zeiten der Wirtschaftskrise Federn lassen müssen. Zudem hat Pforzheim den zweithöchsten Ausländeranteil in ganz Deutschland, und soziale Brennpunkte haben wir aus vielen Gründen mehr als einen. Dies beschreibt sehr gut die Aufgaben, die vor der Stadt Pforzheim liegen. Die Oststadt, in der sich unsere Schule befindet, ist ein Stadtteil, der momentan besonderer Aufmerksamkeit bedarf und auch erfährt. Die Entwicklung im Bildungsbereich geht mit großen Schritten voran, um den Kindern aus den vielen Migrantenfamilien bestmögliche Bildungschancen durch vernetzte Angebote im schulischen Bereich zu bieten. Auch im Hinblick darauf ist die Sprachförderung, neben kultureller und sportlicher Bildung, einer der großen Schwerpunkte unserer Schule.

Ihre Grundschule ist bildlich eine Insel mitten in einem sozialen Brennpunkt. Wofür steht Ihre Schule, die als sehr engagiert gilt, ein? Wie ist Ihre Arbeit dort, woran mangelt es oft?

Schwerpunkt unserer Schule ist es, die Kinder zu Toleranz und Hilfsbereitschaft zu erziehen und gleichzeitig durch eine intensive Sprach- und Leseförderung sowie kostenfreie Bildungsangebote in Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag, die Teilnahme am täglichen Miteinander und der kulturellen Bildung zu ermöglichen. Darüber hinaus sehen und fördern wir die besonderen Begabungen der Kinder und ihre unterschiedlichen Kompetenzen, die wir gezielt stärken. Da die Kinder aus verschiedenen Kulturen kommen, ist es wichtig, ihnen ein gemeinsames Regelwerk zu bieten und die Augen für die kleinen und manchmal unscheinbaren, aber bemerkenswerten Dinge zu öffnen. Auch die Erziehung zu guten Umgangsformen ist ein Punkt, der immer bedeutender in unserem Schulleben wird. Dadurch sind wir verlässlicher Anker in einer schnelllebigen Gesellschaft und bieten den Kindern Orientierung. Durch die starke Heterogenität und Multikulturalität, unsere intensiven Kooperationen mit verschiedenen Ämtern und Institutionen sowie den immer stärker an Bedeutung gewinnenden  Erziehungsauftrag, wäre mehr Zeit für die Kinder eigentlich dringend notwendig. Wir müssten vermehrt die Möglichkeit haben, in kleineren Gruppen zu unterrichten und intensiver auf einzelne Kinder zugehen zu können. Eine Tandem- oder Förderlehrkraft könnte helfen, diese Nachteile auszugleichen und die Förderung der Kinder noch weiter zu verbessern.

Inwieweit ist die Unterstützung Ihrer Projekte durch freiwillige Helfer, Spenden von privater oder Unternehmensseite wichtig für Ihre Arbeit?

Ohne die Unterstützung durch freiwillige Helfer sowie Spenden wäre ein bedeutender Teil unserer Arbeit gar nicht möglich. Wir erfahren Unterstützung im Bereich unserer Schülerbibliothek, die wir ansonsten nicht betreiben könnten, auch die Leseförderung profitiert vom ehrenamtlichen Engagement. Gesponserte Besuche in den Pforzheimer Museen ermöglichen kulturelle Teilhabe innerhalb der städtischen Heimat. Die Angebote am Nachmittag, die den Kindern eine sinnvolle Alternative zum Fernsehgerät und Computer bieten und die sich viele Familien sonst nicht leisten könnten, schulen unsere Kinder ebenfalls in unterschiedlichen Bereichen. Mit vielen Arbeitsgemeinschaften haben wir die Möglichkeit, die Kinder in den Bereichen Musik, Sport, Logisches Denken, kulturelle Bildung und Kreativität ebenso zu fördern wie den Bereich Sprachförderung mit Angeboten für Kinder und Mütter. Eine Tanz-AG, für die ich bereits eine Trainerin im Auge habe, liegt mir derzeit sehr am Herzen. Gerade weil die Verknüpfung von Musik und Bewegung eine wichtige Unterstützung für das Lernen allgemein sowie die Sprache im Speziellen darstellt. Leider fehlen uns dazu noch die finanziellen Mittel, aber wir arbeiten dran.

Sie haben mit Ihrer Schule bei Amazon den Wettbewerb unter Grundschulen mit dem Motto „Lesen macht Spaß“ gewonnen. Mit welcher Idee haben Sie sich beworben, gepunktet und am Ende gewonnen?

Eine Kollegin ging hier federführend voran. Wir besprachen gemeinsam, mit welchem Konzept wir teilnehmen möchten. Einer der Kernpunkte unserer Bewerbung war die Kooperation mit den angrenzenden Schulen. Ältere Schülerinnen und Schüler sollen zur Leseförderung gemeinsam mit unseren Grundschulkindern mit den ‚Kindles’ lesen. Durch dieses moderne Medium ist die Buchauswahl und Motivation der Kinder viel größer. Zusätzlich planen wir Lesetandems innerhalb der Grundschule, wo größere Grundschüler den kleineren vorlesen. Das war unser Konzept, welches offenbar gut ankam.

Der Gewinn bestand aus 36 Kindle Paperwhites inklusive „Buchguthaben“ pro Gerät. Wie verlief die Übergabe? Wie haben die Schüler reagiert?

Die Kinder haben sich natürlich riesig über den Gewinn gefreut. Es waren Herr Bruggner, der General Manager des Pforzheim Logistikzentrums, sowie vier weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Gewinnübergabe bei uns. Auch die für die Schulen zuständige Bürgermeisterin, Frau Müller, war bei der Preisverleihung zugegen. Es war eine fröhliche Stimmung und eine tolle Aktion. Die Fotos, welche dort entstanden sind, belegen das nur zu gut.

Was machen die Schüler und die Schule jetzt mit den Geräten?

Wir haben die Geräte jetzt mit Büchern bestückt und sind kurz davor loszulegen. Wir sind selbst sehr gespannt, wie die Kinder mit den Geräten zurechtkommen. Beim Bestücken ist uns schon aufgefallen, dass durch verschiedene Einstellungsmöglichkeiten, etwa die Veränderung der Schriftgröße, auch schlechtere Leser profitieren können. Die Seite, bzw. die Menge die man auf einer Seite lesen kann, ist dann kleiner, was für die schwächeren Leser direkt viel motivierender wirkt.

Es gab noch einen Schreck kurz vor dem Projektstart: In Ihrer Schule wurde während der Ferien eingebrochen, die Kindles entwendet. Was ist passiert?

Die Einbrecher entwendeten neben 20 Kindle Paperwhites auch 4 Gitarren und eine Klassenkasse. Sie versuchten dummerweise und zu unserem Glück noch am selben Tag, die Gitarren in einem Musikgeschäft zu verkaufen. Dieser Laden verfügte über eine Überwachungskamera, sodass schon eine Woche später die Täter dingfest gemacht werden konnten. Die Klassenkasse werden wir wohl nie wieder sehen, was ich besonders tragisch finde, weil unsere Familien im Durchschnitt sowieso  schon über relativ wenig Geld verfügen. Von den 20 Kindles bekamen wir 18 zurück, was uns sehr gefreut hat.

Was sind Ihre besten Ansätze zur Leseförderung?

Viele unserer Kinder lesen ja zuhause wenig bis gar nicht, daher ist es uns an der Schule wichtig, ein attraktives und motivierendes Angebot zu schaffen. Wir verfügen über eine eigene kleine Schülerbücherei, die von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin betreut wird. Zusätzlich bekommt jede Woche eine Klasse Märchen von einer weiteren ehrenamtlichen Helferin vorgelesen. Direkt im Anschluss backen, basteln oder malen die Kinder immer etwas Passendes zum aktuell gelesenen Märchen. In jeder Klasse haben wir außerdem eine eigene kleine Klassenbücherei, deren Buchbestand jedes Jahr passend zur Altersstufe wechselt. Und es gibt freie Lesezeiten, wo sich die Kinder gänzlich nur dem Lesen widmen können.